Die grusige Geschichte

"Es regnet nun schon seit Tagen!", meinte Peter.
Und dabei übertrieb er nicht einmal, denn es goss nun schon seit knapp einer Woche aus allen Kübeln.
Doch nur aufgrund des Wetters liessen sich seine Pläne nicht weiter hinausschieben.
Denn Peter - ein sonst nicht gerade eifriger Theologiestudent im 13. Semester - erfuhr vor ein paar Tagen von einem Projekt, an dem er unbedingt teilnehmen wollte, obgleich es einen Haufen Arbeit mit sich bringen würde.
Das Thema "Rechtliche Grauzonen beim Gründen von Sekten" scheint ihm nämlich unverzichtbar für seine zukünftige Arbeitsfunktion.
Er strich langsam mit dem Zeigefinger an einem langen Buchregal, in einem abseitsgelegenen Bereich der SSC Library, entlang, über schier unendliche staubige Buchrücken, bis er plötzlich bei einem Buch innehielt ... geschrieben von Bobby Henderson.
Genau in dem Moment, als Peter das Buch aufschlug und ihm eine Staubwolke die Sicht raubte, tauchte neben ihm ein Kommilitone auf und sprach - sichtlich verwundert über die Lektüre des Kollegen:
"Spaghetti Bolognese" heute Abend ?
"Wäh, so grusig", murmelte Peter und wandte sich sogleich wieder dem Buch zu.
Peter nahm das Buch mit zu einem freien Tisch in der Ecke der Bibliothek und vertiefte sich vollkommen in die faszinierenden Thesen Hendersons, denn Peter war ein Mensch, dem soziale Interaktion zutiefst zuwider war, vorallem wenn dies bedeutete, mit einem seiner 'seltsamen' Kollegen zu kommunizieren.
Auf jeden Fall fesselte ihn Henderson und erst mit der eher-nicht-so-freundlichen Aufforderung des Bibliothekars, er solle doch jeweils zur Schliessung verschwunden sein, fand Peter wieder zurück in die Realität.
Er schnappte sich seinen Rucksack, verstaute sorgsam ein paar Kopien der wichtigsten Stellen des Buches und verschwand in die verregneten Straßen Edinburghs.
Auf seinem Weg in seine Wohnung, in der er mit drei anderen Studenten wohnte, kam er an einer Vielzahl Pubs vorbei und meistens, so wie heute, gelang es ihm nicht zu widerstehen und er musste sich einfach einen Scotch gönnen.
Da es jedoch nicht nur bei einem Glas blieb, erwachte er - nach einer sehr kurzen Nacht - am nächsten Morgen auf einer Parkbank, den Kopf nur wenige Zentimeter vom Mageninhalt des letzten Abends entfernt und verfluchte die morgendliche Sonne.
Peter erkannte jedoch auch die positiven Aspekte seiner Situation - er musste sich immerhin einen Abend weniger mit seinen Wohnungsgenossen unterhalten.
Nicht gerade gut gelaunt - trotz der Tatsache, dass seit Wochen einmal wieder die Sonne schien - säuberte Peter sein Hab und Gut, entfernte alles, was sich darauf in der letzten Nacht angesammelt hatte, kramte ein paar Pfund aus seiner Hosentasche und bestieg ein vorbeifahrendes Taxi.
"university" murmelte er in Richtung des Fahrers, legte seine Mappe neben sich und verlor sich für ein paar Minuten in seinen Gedanken.
Während der Taxifahrt - er wollte direkt zur Vorlesung an die Uni - schwirrten ihm zusammenhangslose, fast mysteriöse Erinnerungsfetzen des letzten Abends durch den Kopf, die immer wieder eine Frau und seine, auf der Bar ausgebreiteten, Henderson-Kopien zeigten.
"Wer ist nur diese Frau ...? " fragte er sich wieder und wieder, als er die Treppen der "School of Divinity" emporstieg und - wie immer total in Gedanken versunken - beinahe mit seinem Professor in "fundamentals of religious fanaticism" zusammen stieß, den er nebenbei bemerkt ebenso verachtete, wie seine Mitbewohner, obwohl der Professor, im Gegensatz zu ihnen, nie seinen Vorrat an Gummibärchen plünderte.
Und hier ging es nicht um die kleinen Gummibärchen, nein, denn das wäre Peter egal gewesen, es ging um die großen, die ganz großen, die man nur in der High Street bekam.
Doch eigentlich störte ihn vor allem, dass er sich mit den "Dieben" unterhalten musste, wenn er seine Vorräte zurückfordern wollte.
Ein lauter Knall riss ihn aus seinen Gedanken, woraufhin er sich in Richtung des Hörsaales begab, aus dessen Richtung das Geräusch zu kommen schien.
Allerdings war er nicht der Einzige, der diese Idee hatte, und so hatte sich bereits eine undurchdringliche Menschenmenge vor dem Eingang des Hörsaals gebildet.
Als er diese Ansammlung von, seiner Meinung nach, total inkompetenten Vollidioten sah, beschloss er, seine Neugier und die damit verbundene Schadenfreude zu unterdrücken und lief, um möglichst zügig vom Ort des Geschehens zu entkommen, durch einen kleinen Seitengang, der eigentlich schon lange nicht mehr benutzt wurde, da er einsturzgefährdet war.
So gelangte er fast als erster in den Saal seiner Vorlesung und setzte sich ohne zu zögern in die vorderste Reihe, denn dort würden wie immer die seriösen Studenten sitzen, die sich 100% aufs Mitschreiben konzentrieren und somit nicht mit ihm kommunizieren würden.
Doch weit gefehlt, denn der erste, der den Raum betrat war Tom, die größte Plaudertasche der Stadt, welcher ihn auch sofort ansprach.
Peter war jedoch mittlerweile ein Meister des Ignorierens, so dass er von dem Gelaber nur ein tieffrequentes, einschläferndes Summen wahrnahm.
Manch einer würde Peter für diese Fähigkeit beneiden, doch heute wurde sie ihm zum Verhängnis, denn das, was Tom ihm sagte wäre von äußerster Wichtigkeit für ihn gewesen und hätte vielleicht sein ganzes noch vor ihm liegendes Leben verändert.
Stattdessen meldete sich bei Peter lediglich das Verlangen nach einem Kaffee, während Tom, von Peters Verhalten beleidigt, zu einer kommunikativeren Gruppe von Studenten ging, um dort seine Neuigkeiten unters Volk zu bringen.
Da er ja heute sehr zeitig erschienen war und dementsprechend noch etwas Zeit hatte, beschloss er, seine Koffeinsucht gleich zu befriedigen und machte sich auf zum Kaffeeautomaten, der nur eine Etage höher stand, direkt neben dem Zimmer der Fachschaft.
Als er den Automaten ohne weitere Zwischenfälle erreichte und gerade mit dem Heraussuchen des passenden Münzes beschäftigt war, spürte er jedoch auf einmal eine Hand auf seiner Schulter.
Es war Michael, sein Tutor in "Experimentelle Extremistische Glaubensforschung", der - ähnlich wie Peter - sehr menschenscheu war, weshalb sich die beiden ziemlich gut verstanden, was man übrigens von den anderen Studenten nicht behaupten konnte, denn diese nannten Michael spöttisch nur "Darth Vader", und zwar nicht etwa, weil er beim Atmen röchelte, nein, einzig aus dem Grund, weil ihn das menschlicher wirken lies.
Michael übernahm die Bezahlung des Kaffees und meinte: "Wir sollten uns mal unterhalten. Heute Mittag in meinem Büro?"
"Meinetwegen", murmelte Peter, der an diesem Mittag eigentlich mal wieder faulenzen wollte, "Ich komme so um halb Eins bei dir vorbei".
Den Kaffee schlürfend und in Gedanken versunken, flanierte er wieder zurück in Richtung Saal, wobei er jedoch mit einer aufgehenden Tür kollidierte und den Kaffee - er war noch zu 2/3 voll - über sein Hemd verteilte, welches übrigens bereits über einen unverwechselbaren Scotchduft hatte.
Eigentlich wollte er fluchen, doch war der Kaffee war so heiß, dass es eher dem Jaulen eines räudigen Hundes mit einer Stimmbandentzündung glich.
Da sich nach seiner "Gesangsvorstellung" auf dem Flur so ziemlich jeder nach ihm umgedreht hatte, beschloss Peter, sich möglichst schnell zur Toilette zu bewegen, um sein Hemd am Lavabo auszuwaschen, wobei er jedoch von einer schuldbewussten Dame - sie hatte die Tür aufgestossen - verfolgt wurde.
Nach genauerem bedrachten der heran kommenden Dame, kam er ins Grübeln.
Bruchstückhaft kamen Ihm die Erinnerungen von der letzten Nacht wieder hoch, das kann doch nicht sein, war es nicht die selbe Frau in dem Pub gewesen?!
Gerade als er sich nocheinmal nach ihr umsah, sprach sie ihn ohne Vorwarnung an, was ihm normalerweiße total auf den Geist ging, jedoch war es bei ihr seltsamerweiße nicht so.
Dies verschlug Peter für den ersten Moment die Stimme, doch nach einigen Augenblicken antwortete er auf ihre Entschuldigung:
"Äähm ... Hi ... errm ... Kennen wir uns eigentlich?"
"Nicht dass ich wüsste", antwortete sie freundlich, was Peter aber nicht ganz von seinem Verdacht abkommen lies, dass er sie bereits irgendwo gesehen haben musste.
"... Hmmm ... okay ... ääh .. jaa, gut ... erm ... ", sprach der verwirrte Peter nach einer etwas peinlichen Pause, " ... dann muss ich dich wohl mit jemanden verwechselt haben, sorry ... aber ... was anderes ... warum verfolgst du mich eigentlich?".